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Abschaffung der Schulpflicht: Kein Eltern-, sondern ein Kinderrecht!

Warum die Schulpflicht nicht abschaffen?

Die AfD Sachsen-Anhalt schreibt in ihrem Regierungsprogramm unter der Überschrift „Bildungspflicht statt Schulzwang“, Eltern müssten in allen Fragen zu Bildung und Erziehung das letzte Wort haben. Hausunterricht sei ein Elternrecht. Schule sei ein Angebot, das man nicht annehmen müsse. Die wahren Hintergründe, die diese Partei hier verfolgt sind durchaus fragwürdig, der eigentliche Grundsatz einer klaren Öffnung allerdings nicht.

Was will die AfD wirklich?

Im offiziellen Regierungsprogramm zur Landtagswahl 2026 (Kapitel IV, Punkt 26) heißt es wörtlich, man wende sich „entschieden gegen alle Versuche des Staates, sich in die Erziehung der Kinder einzumischen“. Weil Schulen Kinder „politisch zu erziehen“ versuchten, verstehe man Eltern, die selbst unterrichten wollen. In Anlehnung an Österreich solle es Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht geben, mit halbjährlichen Prüfungen. Wer zurückbleibt, muss wieder zur Schule. Ulrich Siegmund sagt öffentlich, man wolle die Schulpflicht nicht abschaffen, sondern „reformieren“ oder „erweitern“. Das Programm ist klarer: Der Schulbesuch wird vom Pflichtverhältnis zum Angebot. Die Entscheidung läge dann bei den Eltern.

Ein falscher Freiheitsgedanke

Kinder sind keine Sklaven der Gesellschaft. Sie sind aber auch keine Sklaven der Eltern. Wer die Verfügung über Bildung vom Staat auf die Familie verschiebt, befreit das Kind nicht. Er wechselt nur den Herrn. Halbjährliche Klausuren in Mathematik und Deutsch messen Wissen. Sie messen nicht, ob ein Kind isoliert wird, ob es andere Kinder trifft, ob es eine Meinung entwickeln darf, die der der Eltern widerspricht.

Dazu kommt das Motiv. Die AfD begründet Hausunterricht nicht mit dem Wohl des Kindes, sondern mit „fragwürdigen Lebensansichten“ in der Schule. Homeschooling wird zum Exit aus einem als feindlich empfundenen öffentlichen Raum. Das Kind kommt in diesem Satzbau nicht als Subjekt vor. Genau deshalb halte ich den Vorschlag in seiner Begründung für falsch. Eine Öffnung, die beim Elternrecht andockt, stärkt den Stärkeren im Haus.

Ein Ende der Schulpflicht? Warum eigentlich nicht?!

Die Frage einer Öffnung unserer Schulpflicht sollte dennoch im Raum stehen.

Deutschland ist bei der Schulpflicht ein Ausreißer. Fast ganz Europa kennt irgendeine Form von Bildungspflicht statt reiner Anwesenheitspflicht. Österreich, Belgien, Portugal, Teile Skandinaviens. Die Gesellschaften dort sind deswegen nicht zusammengebrochen. Wer so tut, als beginne ohne Präsenzzwang das Chaos, redet klar gegen existierende Erkenntnisse.

Unser System in Deutschland ist starr. Es behandelt Anwesenheit als Bildung. Es behandelt jedes Kind, das nicht in die Form passt, als Störung, verhängt Bußgelder, Versäumnisanzeigen oder sorgt für einen Schulwechsel. Ob das Kind dort lernt, ist oft zweitrangig. Die Pflicht gilt als erfüllt, wenn jemand auf einem Stuhl sitzt.

Wir sollten uns Fragen, was gegen eine Abschaffung spricht. Warum muss Bildung in Deutschland heißen, dass ein Mensch einen bestimmten Raum zu einer bestimmten Zeit betritt, unabhängig davon, ob dieser Raum ihm nützt?

Zwang ist ein schlechter Lehrer

Kinder sollten Schule nicht als Zwang oder Strafe erleben. Eine Pflicht, die als Zwang ankommt, erzeugt Widerstand, Angst und Dienst nach Vorschrift. Sie erzeugt Menschen, die auf Anweisung warten. Sie erzeugt keine Neugier.

Es geht um das Wohl und die Entscheidungsgewalt eines Menschen, auch dann, wenn dieser Mensch noch ein Kind ist. Systemsprenger sind dabei nur eine Seite. Ein Kind sollte weder den Eltern noch dem Staat gehören.

Nicht am Küchentisch, sondern mit klarem Rahmen

Das Modell der AfD würde bedeuten, dass die Eltern ihre Kinder so unterrichten könnten, wie es ihnen gerade passt. Es würde somit die Tür für Abschottung, Überforderung und Indoktrination öffnen.

Eine Öffnung ist nur denkbar, wenn sie über qualifizierte Einrichtungen läuft. Mit ausgebildeten Pädagoginnen und Pädagogen. Mit verbindlichen Bildungszielen. Mit unabhängigen Lernstandsprüfungen. Mit sozialer Begegnung mit anderen Kindern als Bestandteil, nicht als Option. Der Rückweg in die Regelschule sollte stets offen bleiben.

Nicht das Kind, sondern der Staat sollte die Pflicht haben. Er muss Bildung vorhalten, finanzieren und Qualität sichern. Er sollte dies jedoch nicht erzwingen, indem er Kinder in Räume setzt, die ihnen schaden.

Ob ein Kind die Regelschule besucht oder einen anderen, anerkannten Weg geht, sollte seine persönliche Entscheidung widerspiegeln. Natürlich verlangt dies eine gute Überprüfung. Eltern können auf ihre Kinder Druck ausüben und Sätze vorsprechen. Dieser Faktor sollte durch eine unabhängige Feststellung ausgeschlossen werden.

Auch religiöse Indoktrination darf hier keinen Platz bekommen. Keine Schule im Wohnzimmer einer Gemeinde. Keine Lehre, die Kinder auf ein Bekenntnis verpflichtet. Keine Abschottung vor Wissenschaft, vor anderen Lebensweisen, vor einer pluralen Gesellschaft.

Bildung hat zur eigenen Urteilsfähigkeit zu führen. Nicht in den Glauben der Eltern. Nicht in die Staatsräson.

Mein Fazit:

Die AfD hat eine richtige Schwachstelle getroffen und sie mit dem falschen Subjekt gefüllt. Sie redet von Freiheit und meint die Verfügung der Eltern.

Unsere starre Schulpflicht verdient trotzdem keine Heiligsprechung. Die Öffnung des Systems ist überfällig, ebenso das Recht des Kindes auf einen Lernort, den es als den seinen erkennen kann.

Kinder gehören sich selbst. Bildung ist ein Recht, das der Gesellschaft Pflichten auferlegt. Sie ist kein Eigentumstitel über junge Menschen. Wer das nicht unterscheidet, sollte nicht über Schulpflicht reden.

Quellen:

Regierungsprogramm der AfD in Saschsen-Anhalt

Ulrich Siegmund in der Wahlarena (Artikel von "die Zeit")

Regelung zum häuslichen Unterricht in Österreich

Regelung zum häuslichen Unterricht in Großbritannien

Bericht über die am Eurydice-Netzwerk teilnehmenden Länder